Gedenkstein an die Volksversammlung von 1848

Volksversammlung vom 9. April 1848 in Reisen

 

 

Wohl kaum ein Ereignis, das während der Revolutionsjahre 1848/49 in unserer Gegend stattfand, ist so sehr in Vergessenheit geraten, wie die Volksversammlung von Reisen am 9. April 1848, deren Besucherzahl von verschiedenen Seiten auf 5.000 bis 7.000 Personen geschätzt wurde. Was bewegte diese Leute, die aus dem Odenwald, von der Bergstraße, aus Frankfurt, Darmstadt, Mannheim und Heidelberg in dem kleinen Ort Reisen zusammengeströmt waren?

Um dies zu verstehen, werfen wir kurz einen Blick auf die politischen Verhältnisse in der ersten Hälfte des 19.-Jahrhunderts: Der Wiener Kongress von 1815, der eine Neuordnung Europas nach den Befreiungskriegen gegen das napoleonische Frankreich vornahm, hatte die freiheitlichen Reformvorstellungen breiter Bevölkerungskreise und den Wunsch nach nationaler Einheit enttäuscht. Deutschland bestand nun aus 39 souveränen Einzelstaaten, die im Deutschen Bund lose zusammengeschlossen waren.

Die folgenden Jahrzehnte, äußerlich eine Epoche des Friedens, wurden im Inneren immer mehr geprägt von der Auseinandersetzung zwischen den Kräften der Restauration und den Verfechtern von liberalen und demokratischen Ideen. Das gegen Staatsallmacht und adelige Privilegien aufbegehrende Bürgertum beanspruchte in zunehmendem Maße eine Beteiligung an der politischen Verantwortung. Diesen Bestrebungen stand eine rigorose staatliche Unterdrückung und Bespitzelung gegenüber. Durch die Karlsbader Beschlüsse von 1819 unterlag die Presse strengen Zensurgesetzen. Die Universitäten wurden von staatlichen Kuratoren überwacht.

Dies führte zur Bildung geheimer Oppositionsgruppen. Auch in Birkenau und Weinheim hielten schon vor 1840 die liberal Gesinnten heimliche Zusammenkünfte ab. Großen Eindruck mögen die Briefe aus Amerika auf sie gemacht haben, in denen Auswanderer aus Birkenau ihren Verwandten das gute, freie Leben in der neuen Heimat schilderten und welche die amerikanische Staatsform aufs höchste priesen.

Hierzulande lebte ein Großteil der Bevölkerung in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen, die vielfache Ursachen hatten. Hinzu kamen mehrere Missernten, die besonders im Jahr 1847 eine Hungersnot hervorriefen.

Die Revolution breitet sich aus

Solchermaßen war der Boden vorbereitet, als die Nachrichten von der Pariser Februarrevolution 1848 in den ersten Märztagen auch die Bürger der deutschen Staaten zum Freiheitskampf trieben. Zwei Verse aus einem langen Kampflied, welches Benedikt Dalei in jenen Tagen schrieb, machen die Stimmung besonders anschaulich. Er geht zunächst noch einmal auf die enttäuschten Hoffnungen nach den Befreiungskriegen ein:

 

„Der deutschen Freiheit grüne Saaten,

 gedüngt mit unserm Herzensblut,

 sie wurden bloßes Fürstengut,

 der Meineid hat das Volk verraten.

 Das Volk ertrug die Sklavenpein

 durch dreißig Jahr in Mark und Bein.

 

 Da hören wir den Donner schlagen

 in Frankreichs hohem Königssitz,

 da fuhr er aus, der Racheblitz,

 und wird von Volk zu Volk getragen.

 Sie setzen Blut und Leben ein,

 des Lebens satt, ein Knecht zu sein!“

 

Die Fürsten, von der Wucht der Ereignisse überrascht, gaben zunächst nach. Sie konnten sich nicht mehr auf ihre Beamten und Soldaten verlassen und bewilligten die sogenannten Märzforderungen: Presse- und Versammlungsfreiheit, Bürgerwehr und ein deutsches Parlament. Während dieses einen Monats März ereigneten sich so viele politische Umwälzungen, dass die langen Jahre davor, in denen sich der Zündstoff angehäuft hatte, unter dem Begriff „Vormärz“ in die Geschichte eingegangen sind.

Auch im Großherzogtum Hessen-Darmstadt wurde die Regierung umgebildet. Großherzog Ludwig II machte am 5. März seinen Sohn Ludwig zum Mitregenten. Der Chefminister du Thiel wurde abgelöst von dem liberalen Heinrich von Gagern.

Vom 31. März bis 4. April 1848 trafen sich in der Frankfurter Paulskirche 574 angesehene Männer aus allen deutschen Staaten zu einem Vorparlament, welches Wahlen für eine verfassunggebende Nationalversammlung vorbereiten sollte. Darunter befand sich auch der Birkenauer Müller Valentin Kinscherf, der seit dem Herbst 1847 Abgeordneter der 2. Kammer im Großherzoglich-Hessischen Landtag war.

Republik oder konstitutionelle Monarchie?

Die zentrale Frage jener Tage war, wer künftig an der Spitze Deutschlands stehen sollte. Den Bestrebungen nach einem erblichen konstitutionellen Kaisertum stand die Forderung nach Einführung der Republik und Entmachtung aller Fürsten gegenüber. Der sehr populäre Friedrich Hecker, Abgeordneter des Bezirks Weinheim-Ladenburg in der Badischen 2. Kammer, und der Mannheimer Journalist Gustav von Struve waren leidenschaftliche Anhänger der Republik. Sie hatten großen politischen Einfluss auf die demokratisch Gesinnten in unserer Gegend. Hecker und Struve stellten im Vorparlament Anträge zur Einführung der Republik, mussten aber eine hohe Abstimmungsniederlage hinnehmen. Tief enttäuscht verließen sie Frankfurt und planten den sogenannten „Heckerzug“, bei dem sie die Volksmassen zugunsten der Republik mobilisieren wollten.

Der Gastgeber

In diesen Tagen des offen ausbrechenden Meinungsstreits um die künftige Neuordnung des Reiches erschienen in den Zeitungen der näheren und weiteren Umgebung, bis zur „Karlsruher Zeitung“, verschieden lautende Anzeigen, die zu einer Volksversammlung in Reisen im Odenwald einluden. Unterzeichnet waren sie von Lehrer Metz aus Ober-Abtsteinach. Gastgeber der Versammlung war Nikolaus Schaab, der in seinem Bauernhof in der Schimbacher Straße (heute Nr. 5, 7 u. 9) das viel besuchte Gasthaus „Zur schönen Aussicht“, sowie eine Schnapsbrennerei betrieb. In seinem Grasgarten wurden die Feste der damaligen Zeit gefeiert. Vor und hinter seinem Hof befand sich genügend unbebautes Gelände, auf dem sich mehrere Tausend Menschen treffen konnten.

Schaab gehörte, wie Valentin Kinscherf, schon in den 1830er Jahren zum engsten Freundeskreis der Weinheimer Demokraten. Er galt als Beistand der Armen. 1847 verzichtete er auf das Brennen von Kartoffelschnaps und gab die Kartoffeln zum billigen Preis an die Hungernden ab. Seine Frau hätte oft 15-20 arme Kinder mit Kartoffeln gespeist. Schaabs politisches Streben galt der Einführung der Republik. Die Volksversammlung sollte jedoch nicht in seinem Sinn ausgehen.

Angst vor Zusammenstößen

Der Tag der großen Zusammenkunft, Sonntag der 9. April 1848, fiel in die spannungsgeladenen Tage zwischen dem Ende der Vorparlaments und dem Heckerchen Aufstand in Südbaden, der am 13. April begann und am 20. April von badischen, württembergischen und hessischen Truppen blutig niedergeschlagen werden sollte. Nun wurden Gerüchte verbreitet, aus Baden seien zahlreiche bewaffnete Freunde der Republik zu erwarten, „um den Worten, wenn diese nicht ausreichten, den Nachdruck der Waffen zu verleihen", so die Darmstädter Zeitung vom 10. April.

Dies gab Anlass zu Besorgniss, „...umsomehr", schreibt der Rimbacher Gefälleverwalter Seeger an den Erbach-Schönbergischen Rentamtmann, „da sich im ganzen Odenwald unter der niederen Volksklasse der Geist der Gesetzlosigkeit fast überall vernehmen läßt, und man nur auf einen äußeren Anstoß zu warten scheint, die bestehenden sozialen Verhältnisse umzustürzen".

Zur allgemeinen Verunsicherung mögen auch extremistische Parolen beigetragen haben, wie die folgende: „Aristokraten wollen wir braten, Pfaffen und Juden werden gehenkt!" In der Tat war es in Rimbach bereits zu Plünderungen Auswärtiger bei jüdischen Kaufmannsfamilien gekommen. Die Rimbacher hatten sich aber schützend vor ihre Mitbürger gestellt und die Angreifer in die Flucht geschlagen. Auch Nikolaus Schaab machte seinen ganzen Einfluss geltend, um solchen Terrorakten zu wehren.

In der Residenzstadt Darmstadt sah man dem nicht untätig zu. Hier war das Lager der gemäßigten Liberalen um Heinrich v. Gagern. Sie glaubten ihr Streben nach mehr bürgerlicher Freiheit und nationaler Einheit auch unter einer konstitutionellen Monarchie verwirklichen zu können. Gerne nahmen sie die Einladung nach Reisen an und versuchten die Volksversammlung für ihr Programm zu gewinnen, was ihnen auch gelang. Vorsorglich schenkten sie vielen armen Leuten aus Darmstadt Fahrkarten für die damals noch ganz neue Eisenbahn, mit der diese nach Weinheim fahren, nach Reisen gehen und dort gegen die Republik stimmen sollten.

 

 

Das Abstimmungsprogramm der Volksversammlung von Reisen.

Die Redner

Wer waren diese Männer, die die Volksversammlung von Reisen, als einzige des Odenwaldes, für den Konstitutionalismus gewannen? Hauptredner war der Darmstädter Landtagsabgeordnete Theodor Reh, ein Schwager des Büchner-Mitstreiters Friedrich Ludwig Weidig. Er war später Mitglied und vom 14.-30.05.1849 Präsident der Nationalversammlung in der Paulskirche. Weiter Hofgerichtsadvokat Stahl, der „Hessische Turnvater“ Heinrich Felsing, der, von Beruf Kupferstecher, das bis heute gebrauchte Turnerkreuz entworfen hat. Ein weiterer Redner war der Jurist, Journalist und Schriftsteller Dr. Wilhelm Schulz, eine der bedeutend­sten Persönlichkeiten des Darmstädter Vormärz. Seine aufsehenerregenden Aufklärungsschriften hatten ihm Festungshaft eingetragen, aus der er sich 1834 befreien und ins Ausland fliehen konnte. Nun war er aus 13-jährigem Exil zurückgekommen um beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuhelfen. Sie alle hatten am Frankfurter Vorparlament teilgenommen. In ihrer Jugend gehörten sie zu den sog. "Darmstädter Schwarzen", die 1818/19 durch eine Versammlungs- und Petitionskampagne die für ihre Zeit als fortschrittlich geltende Hessische Verfassung von 1820 durchsetzen halfen.

Über den Verlauf der Volksversammlung berichtete die "Darmstädter Zeitung" vom 10. April auf ihrer Titelseite an erster Stelle, vor den Nachrichten aus Wien und Berlin. Das "Mannheimer Journal" und das „Mannheimer Abendblatt“ vervollständigen uns die Informationen über dieses vielbeachtete Ereignis.

Theodor Reh eröffnete um 1330 Uhr die Versammlung und erläuterte das ihr zugrundegelegte Programm. Dieses fand allgemeine Zustimmung, nachdem unter die Rechte jedes hessischen Staatsbürgers noch die zureichende Verabfolgung von Waldstreu aus den Gemeindewaldungen aufgenommen war. Die Darmstädter Zeitung schreibt: "Advokat Stahl erläuterte die Bestimmung des deutschen Parlamentes und der constituirenden Nationalversammlung für Deutschland. Die begeisternde Rede schloß mit einem allgemeinen Hoch der deutschen Einigkeit, der Zuversicht auf die Ergebnisse des deutschen Parlaments und mit der auf allgemeinen Zuruf bestätigten Erklärung, sich den Ansprüchen [Anweisungen] der deutschen Nationalversammlung unbedingt unterwerfen zu wollen. Dr. Wilhelm Schulz fand in einem vergleichenden Rückblicke der Vergangenheit von 1819 und der Gegenwart eine dem geprüften Freunde der gesetzlichen Freiheit gebührende Genugtuung." Im Mannheimer Journal lesen wir ergänzend hierzu, Dr. Schulz habe mit Bitterkeit von dem Druck gesprochen, der seit dreißig Jahren auf dem deutschen Volk laste. Heinrich Felsing sprach über den vergangenen und jetzigen Zustand der Staatsverfassung. Karl Ludolf, ein Kurhesse, der sich auf der Rückreise aus seinem Schweizer Exil befand, sprach für die Einführung der Republik. "Allein", so schreibt das Mannheimer Journal, "die allgemeine Stimmung war so gegen ihn, daß er kein Gehör mehr fand und sich zurückzog. Nach ihm versuchte ein Heidelberger Student die Vorzüge der republikanischen Regierungsform hervorzuheben, vermochte aber nichts vorzubringen, was nur die geringste Sympathie dafür erwecken konnte. Nachdem Reh die gehaltenen Vorträge resümiert hatte, brachte er die Frage zur Abstimmung, ob sich die Versammlung für Republik oder constitutionelle Monarchie entscheide. Wer die Republik wolle solle die Hand erheben - und siehe da, von allen Tausenden, die zugegen waren, sah man kaum ein Dutzend Hände erhoben." Die Darmstädter Zeitung schreibt es so: "Eine wiederholte Abstimmung erklärte jedesmal den beinahe übereinstimmenden Willen der 6000 bis 7000 versammelten Männer gegen Republik und für constitutionelle Monarchie..." Das Mannheimer Journal schließt seinen Bericht mit den Sätzen: "Reh ermahnte hierauf, bei der nun bevorstehenden Wahl für das deutsche Parlament echte Volksmänner von Herz und Verstand zu wählen, dann würde Deutschlands Glück und Größe sicher gegründet und jeder gerechten Beschwerde des Volkes Abhilfe verschafft werden, und schloß hierauf, mit der weiteren Ermahnung zur Ruhe und gesetzlichen Ordnung, die Versammlung. In schönen Zügen, wie sie gekommen waren, mit Musik und Fahnen an der Spitze, entfernten sich nun die verschiedenen Kreise durch die grünenden Thäler des Odenwaldes, und es gab diese Versammlung ein echtes Beispiel deutscher Brüderlichkeit, weil sie, will’s Gott, bald im gesamten deutschen Vaterlande sich kund geben wird".

Die republikanisch gesinnten Kreise, besonders im nordbadischen Raum, waren über die Reisener Beschlüsse tief enttäuscht und so nutzte das Mannheimer Abendblatt die Gelegenheit, Hohn und Spott darüber auszugießen, als die Sache mit den Freifahrkarten bekannt wurde: Am späten Abend des 9. April hatten etwa 40 mittellose Darmstädter den letzten Zug zur Heimfahrt in Weinheim verpasst und versuchten nun verzweifelt ihre Fahrkarten am Bahnhof zurückzugeben, um an Bargeld für Essen und Übernachtung zu kommen. Es gab Krawall, die Weinheimer Bürgerwehr schritt ein, und belegte einige der Unglücklichen mit 6 Kreuzer Strafe.

Es war den „Achtundvierzigern“ zu ihrer Zeit nur ein kurzer Erfolg beschieden. Ihre Ideale aber ließen sich nicht auf Dauer unterdrücken. Heute gedenken wir ihrer als Wegbereiter einer demokratisch verfassten Gesellschaft.

 

Helga Müller

Quellennachweis:

Die dem Beitrag zugrundeliegenden Akten befinden sich im Gemeindearchiv Birkenau und im Generallandesarchiv Karlsruhe. Die zitierten Zeitungen wurden im Hess. Staatsarchiv Darmstadt und in der Universitätsbibliothek Heidelberg eingesehen.

 

Brief des Rimbacher Gefälleverwalters Seeger an das Erbach-Schönbergische Rentamt und das Abstimmungsprogramm der Volksversammlung von Reisen: Freundliche Mitteilung von Dr. Rolf Reutter, Darmstadt

 

Buchhinweise:

1200 Jahre Birkenau, Herausgeber: Gemeinde Birkenau, 1994; darin: Helga Müller „Vormärz und Revolution 1848/49 im Birkenauer Tal“ mit ausführlichem Quellenverzeichnis.

Der Rhein-Neckar-Raum und die Revolution von 1848/49 – Revolutionäre und ihre Gegenspieler, Herausgeber: Arbeitskreis der Archive im Rhein-Neckar-Dreieck, Verlag Regionalkultur, 1998; darin Kurzbiographien von Nikolaus Schaab, Valentin Kinscherf, Johannes Kadel und Jakob Klein, von Helga Müller

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