Die Statue des heiligen Nepomuk in Reisen

Informationen zum Objekt

Erbaut 1745 in Sandstein.

Lat. Inschrift auf dem Standbild:

„Sub satrapa Moriz
est positus eo anno (f)ere (quo) Cäsar Franciscus
Stephanus ex stirpe Lotharigcia electus.“

 


Dt. Übersetzung: „Unter dem Amtmann Moriz ist dieser (Stein) aufgestellt
worden, in dem Jahre, in dem Franz Stephan aus lothringischem
Geschlecht zum Kaiser gewählt wurde. (1745)“

Zum geschichtlichen Hintergrund

Zusammengestellt von Helga Müller

Schon seit der Erbauung der steinernen Weschnitzbrücke im Jahre 1745 stand auch das Standbild des heiligen Nepomuk auf der nördlichen Brückenmauer. Die ersten Nachrichten darüber fand der Heimatforscher Klaus Zenner in einem Faszikel zum Postwesen im Generallandesarchiv Karlsruhe (77/5237). Darin heißt es in einer Kostenzusammenstellung für die Brücke des Jahres 1745: „…auch ist einigen ausländischen Bildsteinführern Brod und Wein abgereicht und dafür bezahlt worden laut Schein Nr. 20  1 Gulden 36 Kreuzer“. Die zweite und zugleich letzte Nachricht aus der Zeit des Brückenbaues erfahren wir aus einem weiteren Beleg. Er lautet: „Das ich zuends Unterschriebener des heiligen Johannes Bild wieder gemacht habe und weil ich 2 Tage damit zugebracht habe, einen Tag anzusehen was [ihm] fehlt und den anderen um [es] zu machen. Und es ist Cammertaxe für mich zwey Gulden, das ergibt 4 Gulden, auch habe ich zweymal zu Mittag verzehrt bei Beckers Schmidt für 34 Kreuzer. Reißen den 17. August 1749 Christian Eitzhoff, Bildhauer.“ Der Grund für die Reparatur liegt wahrscheinlich darin, dass 1746 bei einem Katastrophenhochwasser zwei Bögen der neuen Brücke eingestürzt waren, und das Standbild beschädigten.

Im Lauf so langer Zeit ist die Sandsteinfigur stark verwittert und ihre Sockelinschrift nur noch schwer lesbar. Der Birkenauer Heimatforscher Johannes Pfeifer ließ sie 1926 vom Staatsarchiv Darmstadt untersuchen, welches die fehlenden oder unleserlich gewordenen Buchstaben ergänzend deutete. Danach lautet sie: 

„Sub satrapa Moriz est positus eo anno [f]ere [quo] Caesar Franciscus Stephanus ex strirpe Lotharingica electus”.

In ihrer deutschen Übersetzung: „Unter dem Oberamtsverweser Moriz ist dieser [Stein] aufgestellt worden in dem Jahre etwa, in dem Franz Stephan aus lothringischem Geschlechte zum Kaiser gewählt wurde“. Dieser war der Gemahl Maria Theresias von Habsburg. Er wurde am 4. Oktober 1745 in Frankfurt gekrönt. 

 

Wer war der „Brückenmann“, wie der Heilige früher in Reisen genannt wurde?

 

Sein Name war Johannes Wölflin oder Wollflin und war, vermutlich um 1445, als Sohn eines Richters in der Stadt Pomuk, heute Nepomuk, bei Pilsen geboren. Er studierte in Prag und in Padua, wo er auch zum Doktor der Rechtswissenschaften promovierte. Er begleitete hohe kirchliche Ämter, und war zuletzt Generalvikar des Prager Erzbischofs Johann von Jenstein.

 

Die Heiligenlegende berichtet, Johannes von Nepomuk sei der Beichtvater der Königin Johanna gewesen. Ihr Ehemann, König Wenzel IV. von Böhmen (1369-1419), von 1376 bis zu seiner Absetzung 1400 auch Römischer König, wollte die Beichtsünden seiner Frau von dem Priester erfahren. Dieser verwehrte ihm jedoch die Auskunft und hielt sich streng an sein Beichtgeheimnis, was bei dem trunksüchtigen, gewalttätigen König große Wut hervorrief, die den Geistlichen das Leben kostete.

 

Der alleinige Grund für die Ermordung Nepomuks ist dies der Geschichtsforschung nach aber nicht, zumal die Königin Johanna schon 7 Jahre zuvor gestorben war. Der historische Hintergrund lag in dem machtpolitischen Streit des Prager Erzbischofs Johann von Jenstein mit dem König, welcher versuchte den Einfluss und die Rechte der Kirche zu beschneiden. Der Streit eskalierte bei der Abtwahl des Klosters Kladrau. König Wenzel wollte seinen eigenen Günstling als Abt in einem der reichsten Klöster Böhmens etablieren. Der Prager Erzbischof sandte seinen Generalvikar Nepomuk heimlich nach Kladrau, um die Wahl des kirchlichen Kandidaten durchführen zu lassen. 

Aus Furcht vor der Reaktion des Königs flüchtete der Erzbischof. Opfer der königlichen Rache wurde Generalvikar Johannes von Nepomuk. Er wurde grausam gefoltert und am 20. März 1393 gefesselt und geknebelt von der Karlsbrücke in Prag in die Moldau gestürzt, wo er in den Fluten ertrank. Erst am 17. April wurde sein Leichnam gefunden.

Lange vor seiner Heiligsprechung wurde 1683 auf der Karlsbrücke das erste Nepomuk-Standbild aufgestellt. Am 19. März 1729, 336 Jahre nach seinem Tod, sprach Papst Benedikt XIII. Johannes von Nepomuk heilig.

Als Schutzpatron vor Wassernot steht seitdem sein Standbild auf unzähligen Brücken, so auch in Reisen. Das hat schon oft Verwunderung hervorgerufen, weil die Ortseinwohner seit der Reformationszeit bis ins frühe 20. Jahrhundert fast alle evangelisch waren.

Der Grund dafür liegt in der kurpfälzischen Geschichte, denn auch der kleinste Ort ist immer eingebunden in das große Zeitgeschehen. Mit dem kinderlosen Kurfürsten Karl II. ist 1685 die evangelische Linie Simmern der Dynastie Wittelsbach ausgestorben. Die Thronfolge fiel danach an das katholische Haus Pfalz-Zweibrücken-Neuburg. Seitdem waren alle Kurfürsten katholisch, und gaben ihrer Glaubensrichtung auch äußerlichen Ausdruck. 

Der auf dem Sockelstein der Statue erwähnte Amtmann Johann Christian Moriz (meistens Moritz geschrieben), führte die Amtsgeschäfte des Oberamtes Lindenfels. Er hatte sich bei Kurfürst Karl Theodor mit Erfolg für den Bau einer Steinbrücke eingesetzt, weil die hölzernen Vorgängerbrücken immer wieder von Hochwassern beschädigt oder fortgerissen worden waren.

Die größte Beschädigung an der Sandsteinfigur geschah über 200 Jahre nach ihrer Errichtung in der Nacht vom fünften auf den sechsten März 1957. Unbekannte stießen den Brückenheiligen von seinem Sockel in die Weschnitz. Mit Hilfe eines Kranes der Firma Freudenberg ließ ihn die Gemeinde Reisen bergen. Sein stark verwittertes Haupt war abgebrochen und wurde nicht mehr aufgefunden. 

Der Bildhauer Peter Jakob aus Birkenau schuf ihm einen neuen Kopf, mit dem er nun eine Besonderheit unter den Nepomuk-Darstellungen ist: Meistens schaut der Heilige mit geneigtem Kopf auf das Kruzifix in seinen Armen. In Reisen sieht er jetzt aufrecht zu den Menschen, die vorübergehen.

1963 wurden für eine Brückenverbreiterung die alten Begrenzungsmauern abgetragen, und die beidseitigen Fußgängerwege angebaut. Dabei erhielt der Brückenheilige einen neuen Standplatz in einer kleinen Anlage neben der Brücke.

Seitdem ließ die Gemeindeverwaltung Birkenau 1987/88 und 2016/17 zwei große, fachmännische Renovierungsarbeiten an dem lieb gewordenen Standbild vornehmen, um es auch für die Zukunft in gutem Zustand zu erhalten.

 

Quellennachweis:

Klaus Zenner: Steinerne Weschnitzbrücken (III) , Geschichtsblätter Kreis. Bergstraße Bd. 25, S. 282, „Die Statue des hl. Nepomuk“

 

Der heilige Nepomuk: wikipedia.org, „Johann von Jenstein“

 

Die Zeit ab 1945: Helga Müller: „Über die Weschnitz“, Festschrift 1100Jahre Reisen, 1977, S. 50 und persönliche Erinnerungen

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