Altes Rathaus Reisen

Die wechselvolle Geschichte des alten  Schulhauses und Rathauses in Reisen

Das heute als altes Rathaus bezeichnete Gebäude ist ein Haus voller Ortsgeschichte. Es wurde 1878 als erstes Schulhaus der Gemeinde Reisen nach Plänen des Gemeindebaumeisters Häusel aus Rimbach erbaut. Schon bei der Planung bedachte man die Hochwassergefahr durch die nahe Weschnitz, und rückte den Bauplatz etwas weiter nach Osten. Bis dahin hatte der Schulunterricht in angemieteten Privaträumen stattgefunden. Der ehemalige Schulsaal, in dem früher auch die „Fortbildungsschule“ für die schulentlassene Jugend der Umgebung stattfand, erfüllt bis heute vielerlei Nutzungen, obwohl schon sehr lange kein Unterricht mehr darin stattfindet. Er war von Anfang an das Wahllokal für Reisen und Schimbach, er ist Sitzungsraum, Übungsraum der Jagdhornbläser und Treffpunkt verschiedener Hobbygruppen. Im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit wurden darin monatlich die Lebensmittelkarten für alle Einwohner ausgegeben, denn alle Güter des täglichen Bedarfs waren während jener Jahre streng rationiert und nicht frei käuflich zu haben.

Anzeige im Verordnungs- und Anzeigenblatt für den Kreis Heppenheim Nr.95, 26.11.1878

Der über dem Schulsaal liegende Raum war das Standesamt und Trauzimmer der Gemeinde. In dem Gang davor hing das Glockenseil für die alte Schulglocke, die zu vielen Anlässen geläutet wurde. In erster Linie rief sie die Kinder zum Schulunterricht, aber sie läutete auch in der Silvesternacht das Neue Jahr ein. Ihr „Ausläuten“ gab den Einwohnern bekannt, dass jemand gestorben war. In der Zeit bevor es Sirenen gab, wurde in Brandfällen damit „Sturm geläutet“, und wenn im Ort Gottesdienst gehalten wurde, lud sie auch dazu ein. Am 19. Dezember 1965 wurden die vier Glocken der neuen evangelischen Kirche eingeweiht. Seitdem ist sie verstummt, aber sie hängt immer noch auf ihrem Platz im Turm.

Der westliche Teil des Hauses war ursprünglich Lehrerwohnung. Wegen der stark angestiegenen Schülerzahl ließ die Gemeinde 1912 noch ein zweites, das „neue Schulhaus“ in der Mumbacher Str. 17 bauen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Schülerzahl wieder sehr verringert, deshalb wurde die Schule von 1924 an nur noch einklassig im neuen Schulhaus weitergeführt. 1944/45 und von 1949 bis 1957 fand der Unterricht wieder in beiden Schulsälen statt.

Die Räume im unteren Stockwerk des alten Schulhauses wurden 1939 zum Kindergarten umgebaut.

In die Zimmer im oberen Stockwerk zog nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Bürgermeisteramt ein und das Standesamtszimmer wurde zum Büro des Gemeinderechners. Bis dahin hatten alle Bürgermeister und Gemeinderechner ihr Amtszimmer in ihrem Wohnhaus. Von 1945 an war das alte Schulhaus dann auch das Rathaus der Gemeinde Reisen. Erwähnenswert ist hier auch, dass die Bürgermeisterei Reisen rund 150 Jahre lang ein Gemeindeverband war, ähnlich einer heutigen Großgemeinde: Bei der Großherzoglich-Hessischen Gemeindereform von 1821 wurde das Amt des Schultheißen, der nur die Anordnungen der Regierung umzusetzen hatte, abgeschafft, und durch frei gewählte Bürgermeister und Gemeinderäte ersetzt. Mehrere Dörfer und Weiler wurden einem Bürgermeister zugeordnet, hatten aber ihren eigenen Gemeinderat. Zur Bürgermeisterei Reisen mit Schimbach gehörten auch Hornbach, Ober-Mumbach mit Geisenbach und Vöckelsbach.  Nach dem Zweiten Weltkrieg kam noch Rohrbach dazu, das aus Birkenau umgemeindet wurde, und Nieder-Mumbach, welches jahrhundertelang zu Mörlenbach gehört hatte. Durch die Bildung der Großgemeinden Anfang der 1970er Jahre, zerfiel der alte Gemeindeverband. Reisen mit Schimbach und Hornbach schlossen sich der Gemeinde Birkenau an. Mumbach mit Geisenbach, Rohrbach und Vöckelsbach entschieden sich für den Zusammenschluss mit Mörlenbach.

Doch zurück in die Nachkriegszeit:

In der ehemaligen Lehrerküche, zwischen der Kindergartentür und der Treppe, wurde während der Hungerjahre bis 1948 die sogenannte „Schulspeisung“ gekocht. Auf Veranlassung der amerikanischen Militärregierung bekamen alle Schüler eine warme Mahlzeit pro Schultag. In Reisen war das folgendermaßen organisiert: In der großen Pause gingen alle geschlossen mit ihrer Lehrerin, Frau Maria Rohleder, vom neuen zum alten Schulhaus und empfingen dort ihre Essensration. Dafür brachten die Kinder ein Henkelkännchen und einen Löffel mit. Vor dem Haus stehend oder auf der Treppe sitzend, wurde gegessen, danach ging es zurück zur Schule.

Durch die Vergrößerung Reisens herrschte bis zum Ende der 1960er Jahre im Kindergarten ein dauernder Platzmangel, sodass ein Neubau notwendig wurde. Bürgermeister Paul Birkle leitete die Planung ein, doch leider war es ihm nicht vergönnt, das Werk zu vollenden. Er starb, als letzter Bürgermeister der selbstständigen Gemeinde Reisen, am 31. Mai 1970. Der erste Beigeordnete Franz Maca setzte sich intensiv dafür ein, dass der Bau begonnen werden konnte. Nachdem sich Reisen am 1. Januar 1971 der Großgemeinde Birkenau angeschlossen hatte, war es Bürgermeister Willi Flemming, der sich um die Vollendung des Baues bemühte. Am 13. Juni 1971 wurde das Gebäude eingeweiht.

In den frei gewordenen Räumen des Kindergartens eröffnete die Bezirkssparkasse Heppenheim – heute Sparkasse Starkenburg – eine Zweigstelle. In dem seitherigen Bürgermeisteramt blieb eine Verwaltungsstelle erhalten, die den Einwohnern den Weg ins Birkenauer Rathaus ersparte. Als sie geschlossen wurde, richtete der Turnverein 1911 e. V. Reisen (TVR) 1996 darin seine erste Geschäftsstelle ein.

Auch die Zweigstelle der Sparkasse wurde im Jahr 2000 geschlossen, was dem TVR die Gelegenheit gab, in die unteren Räume umzuziehen. Seitdem hat er darin einen optimalen, von den Vereinsmitgliedern gut erreichbaren Standort.

Im ehemaligen Bürgermeisterzimmer im oberen Stockwerk befindet sich heute der Treffpunkt für den Männergesangverein „Eintracht Reisen“.

Es hat sich gelohnt, dass die Gemeinde im Laufe der Zeit immer wieder größere Sanierungsarbeiten an dem Gebäude durchführen ließ, denn es ist immer noch ein wichtiger Gemeinschaftsort in der Mitte des Dorfes.

 

Helga Müller

 

Quellennachweis:

Karl-Ludwig Schmitt: Aus der Geschichte der Reisener Schule, Festschrift „1100 Jahre Reisen – 877 – 1977“, Hrsg. Gemeinde Birkenau

und eigene Erinnerungen

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